Multiple Sklerose: Behandlung und Lebenserwartung

Therapie bei Schüben von Multipler Sklerose (MS)

Aktuell gibt es noch keine definitive Behandlung. Diese Krankheit ist unheilbar, doch der Arzt kann die Symptome behandeln.
Werden die Symptome durch einen Schub verursacht, können drei bis fünf Tage lang hohe Dosen von Kortikosteroiden (Methylprednisolon) (Myhr et al. – 2009) eingenommen werden.
Das Medikament wird oral eingenommen (Tabletten) oder venös verabreicht (Infusion). Die Behandlung erfolgt im Krankenhaus oder zu Hause.

Experten wissen nicht, weshalb Kortison die Erholung bei einem Schub beschleunigt: sie glauben, dass dieses Medikament das Immunsystem unterdrückt. Die Antikörper greifen dann also das Myelin im Zentralnervensystem nicht länger an.
Kortikosteroide sind bei der Erholung nach einem Schub hilfreich, sie ändern aber nicht das Ergebnis des Schubs. Steroide verändern den Verlauf der Krankheit nicht und können weitere Schübe nicht verhindern.

Kortisone verursachen nach längerer Zeit Nebenwirkungen wie Osteoporose und Gewichtszunahme. Man sollte sie also nicht länger als drei aufeinanderfolgende Wochen einnehmen.
Einige Studien zeigen, dass Vitamin D das Fortschreiten der Krankheit zum Gehirn aufhält.

 

Behandlung der Symptome der MS

Die MS verursacht viele leichte und schwerwiegende Symptome. Es gibt Behandlungen, die die Symptome lindern. Einige Symptome sind leichter zu behandeln als andere.

Sehstörungen
Die Multiple Sklerose verursacht Sehstörungen. Gewöhnlich bessern sich die Sehstörungen in wenigen Wochen von selbst. Sind die Symptome schwerwiegend, verschreibt der Arzt Kortikosteroide, um die Genesung zu beschleunigen.
Der Arzt verschreibt bei Problemen mit den Augenbewegungen (Nystagmus) Medikamente wie Gabapentin (Starck et al. – 2010), Baclofen (Serra et al. – 2018) oder Clonazepam (Stahl et al. – 2002).

Spastik und Muskelkrämpfe
Spastik und Muskelkrämpfe verbessern sich unter einer Physiotherapie. Dehnübungen verhindern die Spastik (Steifigkeit). Ein Physiotherapeut behandelt Spastik und Muskelkrämpfe, wenn die Bewegung eingeschränkt ist.

Sind die Muskelkrämpfe stark ausgeprägt, kann der Arzt ein Medikament verschreiben, das die Muskulatur entspannt (Muskelrelaxans) und die Spasmen verringert. Wirkstoffe sind Baclofen oder Gabapentin, auch wenn es alternative Medikamente wie Tizanidin (Lapierre et al. – 1987), Diazepam und Dantrolen gibt.

Alle diese Medikamente haben Nebenwirkungen wie:

  • Schwindel,
  • Muskelschwäche,
  • Übelkeit,
  • Durchfall.

Falls Nebenwirkungen auftreten, sollte man mit dem Arzt oder dem Physiotherapeuten sprechen.

Medikamente und Physiotherapie reichen manchmal nicht aus, die Spastik und Muskelkrämpfe zu kontrollieren. Der Arzt kann Dehnübungen mit Seilen und Gewichten oder die Infiltration von Medikamenten in den Spinalkanal (im Bereich des Rückenmarks) empfehlen.

Zu den Neuheiten (neueste Erkenntnisse) zählt die Verwendung von Cannabis (Marihuana), um die Spastik zu behandeln (Corey-Bloom et al. – 2012). Der Arzt kann es in Form von Tabletten (Malfitano et al. – 2008) oder Spray verschreiben (Collin et al. – 2007).


Neuropathischer Schmerz
Der neuropathische Schmerz wird durch Nervenschäden verursacht und ist akut, einschießend und von dem Gefühl von Hautbrennen begleitet. Dieser Schmerztyp wird mit Gabapentin oder mit Medikamenten wie Carbamazepin (Espir et al. – 1970) und Amitriptylin behandelt (Pöllmann et al. – 2008).

Skelettmuskelschmerzen
Die MS verursacht Stress und Verspannungen der Körpermuskeln.
Ein Physiotherapeut kann hilfreiche Empfehlungen geben, wie man Skelettmuskelschmerzen durch Übungen und Körperhaltungen vorbeugen kann.
Ist der Schmerz stark ausgeprägt, verschreibt der Arzt Schmerzmittel, Kortison und Antidepressiva (zur Schmerzlinderung).
Man kann Behandlungssitzungen mit einem Gerät machen, das die Nervenenden stimuliert (TENS).

Mobilitätsprobleme
Mobilitätsprobleme sind das Ergebnis von Muskelkrämpfen, Schwäche und Spastik. Diese können auch durch Gleichgewichtsprobleme oder Schwindel verursacht werden.

Der Arzt kann Botulinumtoxin zur Injektion verschreiben. Dieses Medikament entspannt die Muskeln.

Kognitive Störungen (Denkschwierigkeiten und Gedächtnisschwäche)
Ein Psychologe beurteilt die Probleme und schlägt eine kognitive Rehabilitation vor, um die Fähigkeiten des Patienten zu verbessern.

Emotionale Probleme
Treten emotionale Probleme auf (wie grundloses Lachen oder Weinen), muss ein Psychologe beurteilen, ob diese durch die MS verursacht werden.
Der Hausarzt oder der Neurologe kann Antidepressiva oder Benzodiazepine zur Behandlung von Angst und Depression verschreiben.
Psychologen wenden die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) zur Behandlung von Depressionen an.

Erschöpfung und Müdigkeit
Viele Menschen mit MS leiden unter Müdigkeit.
Die häufigsten Ursachen sind:

  • Arzneimittelnebenwirkungen,
  • schlechte Ernährung.

Ist die Erschöpfung durch die MS verursacht, kann der Arzt Amantadin verschreiben (Generali et al. – 2014).


Harnblasenprobleme
Bei einer hyperaktiven Blase kann der Arzt ein Anticholinergikum verschreiben, wie Oxybutynin (Gajewski et al. – 1987) oder Tolterodin (Ethans et al. – 2004).
Das vermindert den Harndrang. Wirkt dieses Medikament nicht, kann ein neueres Pharmakon eingenommen werden: Mirabegron.
Das Bedürfnis, nachts vermehrt Wasser zu lassen, kann mit einem Medikament behandelt werden: Desmopressin.
Bei Retentionsblase (sie wird nicht vollständig entleert) muss ein Katheter gelegt werden.
Der Katheter ist ein kleiner Schlauch, der in die Harnblase eingeführt wird und den übermäßigen Harn abführt.
Zur Behandlung der Inkontinenz sollte man einen Urologen konsultieren.

Darmprobleme
Eine Verstopfung wird durch eine Änderung der Ernährung oder durch die Einnahme von Abführmitteln behandelt.
Ausgeprägte Verstopfungen werden mit Zäpfchen oder einem Einlauf (Klistier) behandelt. In dem Klistier befindet sich ein flüssiges Medikament, das das Austreten des Stuhls erleichtert.
Stuhlinkontinenz wird mit Medikamenten gegen Durchfall oder durch Übungen zur Kräftigung des Beckenbodens (nach Kegel) und der rektalen Muskulatur behandelt.

 

Wie hoch ist die Lebenserwartung? Prognose

Die Patienten können weitestgehend normal über viele Jahre in jeder der Krankheitsphasen leben oder aber schnell zu einer Körperbehinderung gelangen.
Etwa 25 % der Patienten haben eine Form der MS ohne „Behinderung“.
5 % der Patienten erfahren häufige Schübe ohne Besserung.
Diese führen zu Behinderung oder frühzeitigem Tod.
15 % der Patienten gelangen in kurzer Zeit zu einer Behinderung.
20 % der Fälle sind von Anfang an fortschreitend (primär-progredient).
Die Lebenserwartung eines Menschen mit Multipler Sklerose ist nicht geringer als bei anderen Menschen.

Schwangerschaft
Frauen mit Multipler Sklerose können schwanger werden, unter epiduraler Anästhesie entbinden und stillen.
Die Kinder tragen ein leicht erhöhtes Risiko gegenüber anderen, diese Krankheit zu entwickeln. Die Schubrate ist während der Schwangerschaft geringer, jedoch nach der Geburt erhöht.

Aussichten für MS-Kranke

Die Prognose für ein langes Leben ist gut, außer in Fällen der primär-progredienten MS.
MS-Patienten haben Probleme, die die Lebensqualität einschränken.

Das UMMC berichtet über alarmierende Statistiken von Selbstmordraten bei Menschen mit MS.
Nach dem UMMC gehen etwa zwei Drittel der MS-Patienten zwanzig Jahre nach der Diagnosestellung ohne Rollstuhl.
Manche Personen benötigen Krücken oder einen Gehstock.
Wenige Patienten benutzen ein Elektromobil oder einen Rollstuhl, um weitere Entfernungen zurückzulegen.
Eine unbehandelte MS verursacht bei mehr als 30 % der Patienten Mobilitätsprobleme.

Es gibt bei der MS zwei Extremsituationen:

  • Die erste ist ein „gutartiges“ Syndrom, bei dem die Patienten zahlreiche Läsionen haben. Sie sind klein und es können Jahrzehnte zwischen den Schüben liegen.
  • Die zweite ist eine sehr gravierende Erkrankung, die als „Marburg-Variante der Multiplen Sklerose“ bekannt ist, bei der die Symptome progressiv verlaufen und die im Laufe von 1-2 Jahren zum Tod führt.

 

Mehr lesen:

Bibliographie:

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  2. Acquired pendular nystagmus in multiple sclerosis: an examiner-blind cross-over treatment study of memantine and gabapentin. J Neurol. 2010 Mar;257(3):322-7. doi: 10.1007/s00415-009-5309-x.
  3. Starck M, Albrecht H, Pöllmann W, Dieterich M, Straube A.
  4. Alessandro Serra, Clara G. Chisari, and Manuela Matta. Eye Movement Abnormalities in Multiple Sclerosis: Pathogenesis, Modeling, and Treatment.Front Neurol. 2018; 9: 31. doi: 10.3389/fneur.2018.00031
  5. John S Stahl, MD PhD, Gordon T Plant, FRCP, and R John Leigh, MD. Medical treatment of nystagmus and its visual consequences. J R Soc Med. 2002 May; 95(5): 235–237.
  6. Lapierre Y, Bouchard S, Tansey C, Gendron D, Barkas WJ, Francis GS. Treatment of spasticity with tizanidine in multiple sclerosis. Can J Neurol Sci. 1987 Aug;14(3 Suppl):513-7.
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  8. Anna Maria Malfitano, Maria Chiara Proto, and Maurizio Bifulco. Cannabinoids in the management of spasticity associated with multiple sclerosis. Neuropsychiatr Dis Treat. 2008 Oct; 4(5): 847–853.
  9. Collin C, Davies P, Mutiboko IK, Ratcliffe S, Sativex Spasticity in MS Study Group. Randomized controlled trial of cannabis-based medicine in spasticity caused by multiple sclerosis. Eur J Neurol. 2007 Mar; 14(3):290-6.
  10. Michael L. E. Espir and Paul Millac.Treatment of paroxysmal disorders in multiple sclerosis with carbamazepine (Tegretol). J Neurol Neurosurg Psychiatry. 1970 Aug; 33(4): 528–531.
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  12. Joyce A. Generali, RPh, MS, FASHP (Editor)* and Dennis J. Cada, PharmD, FASHP, FASCP. Amantadine: Multiple Sclerosis–Related Fatigue. Hosp Pharm. 2014 Sep; 49(8): 710–712.. doi:  10.1310/hpj4908-710
  13. Ethans KD, Nance PW, Bard RJ, Casey AR, Schryvers OI. Efficacy and safety of tolterodine in people with neurogenic detrusor overactivity. J Spinal Cord Med. 2004; 27(3):214-8.
  14. Gajewski JB, Awad SA. Oxybutynin versus propantheline in patients with multiple sclerosis and detrusor hyperreflexia. J Urol. 1986 May;135(5):966-8.
  15. Bronagh McDonnell, Investigation, Writing – Original Draft Preparation1and Lori Ann Birder, Recent advances in pharmacological management of urinary incontinence. Version 1. F1000Res. 2017; 6: 2148. doi:  10.12688/f1000research.12593.1
 
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