Proximale Radiusfraktur

Die proximale Radiusfraktur oder Speichenköpfchenfraktur erfolgt auf Höhe des Ellbogens und wird durch indirekte oder direkte Krafteinwirkung am Gelenk oder Unterarm hervorgerufen.
Das Ellbogengelenk wird aus drei Knochen gebildet: aus den beiden Unterarmknochen, Elle und Speiche (Ulna und Radius) und dem Oberarmknochen (Humerus).

Diese Knochen agieren gemeinsam, wenn Ellbogen, Unterarm und Handgelenk bewegt werden.

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Anatomie des Ellbogens mit Speiche und Elle.

Die Speiche ist der kleinere Knochen des Unterarms und artikuliert mit der Elle (Speichen-Ellen-Gelenk oder Radioulnargelenk), um die Ein- und Auswärtsdrehung des Unterarms (Supination und Pronation) zu ermöglichen.
Das Oberarm-Speichen-Gelenk ermöglicht die Drehung des  Unterarms, die Beugung (Flexion) und Streckung (Extension) des Ellbogens.
Der Ellbogen wird durch Bänder stabilisiert; in Gelenknähe  verlaufen die Oberarmarterie (Arteria brachialis) und die Nerven des Armgeflechts (Plexus brachialis): Mittelarmnerv, Speichennerv und Ellennerv.

Die körpermittenahen (proximalen) Frakturen der Speiche können unverschobene (nicht dislozierte) oder verschobene (dislozierte) Bruchenden aufweisen.
Das Klassifikationssystem von Mason wird zur Wahl der Behandlungsmethode und Prognosestellung verwendet.

  • Typ I: die proximale Radiusfraktur ist nicht disloziert und das Gelenk nur minimal mitbetroffen; unter Umständen ist sie anhand der Bilddiagnostik schwer zu erkennen.
  • Typ II: die Bruchenden sind mindestens 2 mm voneinander entfernt; sie können gedreht oder geknickt (abgewinkelt) sein.
  • Typ III: der Speichenkopf zerbricht in viele Bruchstücke (Trümmerbruch).
  • Typ IV: Trümmerbruch plus Ausrenkung (Luxation) des Ellbogens.

 

Ursachen

In der Regel entsteht eine proximale Radiusfraktur durch einen Sturz auf die offene Hand oder durch einen direkten Schlag auf den äußeren Ellbogen.
Sie kann auch gemeinsam mit Brüchen anderer Knochen des Ellbogengelenks (Oberarmknochen und Elle) oder Verletzungen der naheliegenden Weichteile (Sehnen, Muskeln, Bänder, Nerven, Blutgefäße) auftreten.
Es kommt häufig vor, dass Patienten mit Speichenköpfchenfraktur auch Schäden am Seitenband der Elle oder Speiche aufweisen.
Osteoporose zählt bei diesen Frakturen nicht zu den wichtigsten Auslösern, ältere Menschen sind nicht besonders häufig betroffen.

 

Zeichen und Symptome

Zu den typischen Symptomen einer Radiusköpfchenfraktur zählen:

  • Schmerzen, besonders bei Bewegung des Ellbogens,
  • Bewegungseinschränkung,
  • Schwellung,
  • Rötung,
  • Bluterguss.

 

Diagnose

Besteht Verdacht auf Ellbogenfraktur, sollte so bald wie möglich der Arzt aufgesucht werden.
In der Regel verschreibt der Orthopäde eine Röntgenuntersuchung, um die Diagnose zu bestätigen und das Ausmaß der Verletzung beurteilen zu können.
Eine CT des Ellbogens wird in seltenen Fällen durchführt, um den Frakturtyp zu bestimmen.

 

Behandlung

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Ellbogenfraktur, Beurteilung und sanfte Bewegungen.

Speichenkopfbrüche werden nach Verschiebungsgrad der Knochenfragmente klassifiziert.

Konservative Methoden
Ruhigstellung (Winkel bis zu 30 Grad)
Bei kleinen Kindern kann die Fraktur durch einfache Ruhigstellung versorgt werden, wenn der Winkel des Speichenköpfchens kleiner ist als 20-30 Grad.
Eine Schiene oder Gips bietet in der Regel ausreichend Halt und Schutz vor weiteren Verletzungen.
Das Absaugen des Gelenkergusses kann die Beschwerden lindern.

Geschlossene Einrichtung mit Manipulation (30-60 Grad)
Bei einfachen Frakturen mit einem Winkel bis zu 60 Grad kann durch Manipulation und geschlossene Einrichtung ein zufriedenstellendes Ergebnis erzielt werden.
Wenn der Winkel größer ist als 60 Grad, wird dies immer unwahrscheinlicher.
Bei Winkelstellungen von 45 Grad können zwar akzeptable Ergebnisse erzielt werden, dennoch sollten Winkel, die größer sind als 30 Grad, manipuliert werden.

Manipulationstechnik nach Patterson
Viele Ärzte wenden eine Manipulationstechnik an, bei der der Ellbogen gestreckt ist, wie sie Patterson verfechtet.
Es ist wichtig, dass der Körpers dabei ausreichend entspannt ist, was nur durch Vollnarkose oder bestimmte Arten von lokaler Betäubung erreicht werden kann.
Das Ringband sollte intakt sein, um das proximale Speichenkopffragment zu stabilisieren.

Bei der Technik nach Patterson erfasst der Assistent das Ellbogengelenk mit einer Hand auf Höhe des Oberarms.
Die andere Hand wird an der Innenseite am unteren Ende des Oberarmknochens positioniert, um für den Varusstress (nach außen), der am Ellbogen entsteht, einen mittleren Drehpunkt darzustellen.
Der Chirurg bringt eine distal wirkende Zugkraft an; der Unterarm ist dabei nach außen gedreht, um Oberarmbizeps und Auswärtsdreher zu entspannen.
Über den Ellbogen wird eine Varuskraft eingesetzt, um die ulnare Abweichung (Verschiebung nach innen) des körperfernen Bruchendes zu überwinden und dieses mit dem körpernahen Bruchende auf eine Achse zu bringen.
Diese Varuskraft hilft auch dabei, die Außenseite des Gelenks zu öffnen, wodurch die Manipulation des Speichenkopffragments erleichtert wird.

Eine chirurgische Versorgung erfolgt bei instabilen Radiuskopfbrüchen und bei Verrenkungen.
Die Notwendigkeit einer Operation ergibt sich aus der 3er-Regel: ein Eingriff ist dann notwendig, wenn die Fraktur mehr als 33% der Gelenkfläche einnimmt, größer ist als 30° oder um mehr als 3 mm verschoben ist.
Eine mechanische Bewegungsblockade bedarf immer eines offenen chirurgischen Verfahrens, bei dem die Knochensperre gelöst und die Knorpel- oder Knochenstücke entfernt werden.
Offene Brüche sind chirurgische Notfälle, sie müssen im OP chirurgisch gespült und eine Wundversorgung mit Antibiotika vorgenommen werden, auch wenn die Wunde klein ist.
Gleichzeitig wird auch die Knochenverletzung stabilisiert.

 

Frakturtyp I

Die Frakturen sind in der Regel klein, sie sehen aus wie Risse und die Knochenfragmente bleiben zusammen.
Es ist möglich, dass die Fraktur zunächst auf dem Röntgenbild nicht zu erkennen ist; das ändert sich, wenn die Röntgenaufnahme einige Tage nach dem Unfall wiederholt wird.
Die konservative, also nicht operative Behandlung sieht für ein paar Tage das Tragen einer Schiene vor, danach muss der Ellbogen bewegt werden.
Wird zu früh und zu schnell mit der Bewegung begonnen, kann sich die Fraktur verschieben.

 

Frakturtyp II

Die Brüche des Typs II sind leicht verschoben und betreffen einen großen Knochenabschnitt.
Bei einer minimalen Verschiebung ist es ausreichend, für ein bis zwei Wochen eine Schiene anzulegen und im Anschluss eine Reihe von krankengymnastischen Übungen durchzuführen.
Kleine Knochenbruchstücke können chirurgisch entfernt werden.
Ist das Bruchstück groß und lässt es sich an das Knochenende anfügen, wird der Chirurg versuchen, es mit Hilfe von Schrauben oder Stiften zu befestigen.
Wenn das nicht möglich ist, entfernt der Chirurg die Fragmente oder das Speichenköpfchen.
Bei älteren, weniger aktiven Menschen kann der Arzt das Knochenstück oder den gesamten Speichenkopf  einfach entfernen.
Der Orthopäde muss außerdem Verletzungen am Weichteilgewebe reparieren, wie beispielsweise ein gerissenes Band.

 

Frakturtyp III

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Mit Platten und Schrauben operativ versorgte Speichenfraktur.

Die Frakturen des Typs III bestehen aus zahlreichen Knochenfragmenten, die nicht miteinander vereint werden können.
Normalerweise besteht hier ein erheblicher Schaden für Gelenk und Bänder.
Ein Eingriff ist immer notwendig, um die kleinen Knochenstücke zu entfernen, darunter das Speichenköpfchen, und um die verletzten Weichteile zu versorgen.
Um eine Gelenkversteifung des Ellbogens zu vermeiden, muss der Unterarm so bald wie möglich gedehnt und gebeugt werden.
Wenn eine gravierende Instabilität vorliegt, kann ein Implantat eingesetzt werden, um einer Verformung des Ellbogens vorzubeugen.
Auch eine einfache Fraktur wird mit größter Wahrscheinlichkeit für immer ein Streckdefizit des Ellbogengelenks nach sich ziehen.
Diese Einschränkung verursacht in den meisten Fällen keinen Funktionsverlust.
Unabhängig von Frakturtyp und Behandlungsmethode ist Physiotherapie unerlässlich, um den alten Gesundheitszustand wiederzuerlangen.

 

Komplikationen

Zu den früh auftretenden Komplikationen bei Speichenkopffrakturen oder Verrenkungen gehören: Verletzungen der Nerven und Blutgefäße, Infektionen und Kompartmentsyndrom.
Zu den später auftretenden Komplikation gehören: ausbleibende oder verspätete Konsolidierung, Bruch der operativ eingesetzten Osteosynthesemittel, Achsfehlstellung der Knochen, Infektion, Synostose (Knochenhaft) und anhaltender Schmerz.

 

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